Das vergessene Leid der Gastarbeitergeneration: Einsamkeit und psychische Krisen im Alter
Sebastian SchulteDas vergessene Leid der Gastarbeitergeneration: Einsamkeit und psychische Krisen im Alter
Vor über 60 Jahren warb Deutschland ausländische Arbeitskräfte an, um den Arbeitskräftemangel nach dem Zweiten Weltkrieg zu beheben. Viele von ihnen, wie die Eltern des Komikers Fatih Çevikkollu, kamen in den 1960er-Jahren aus der Türkei mit dem Plan, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren. Doch sie blieben jahrzehntelang – und stehen bis heute, besonders im Bereich der psychischen Gesundheit, vor Herausforderungen, die vor allem ältere Migrantinnen und Migranten betreffen.
Fatih Çevikkollus Eltern zogen im Rahmen des Gastarbeiterprogramms nach Deutschland. Sein Vater, ein gelernter Schlosser, und seine Mutter, eine Grundschullehrerin, gingen von einem vorübergehenden Aufenthalt aus. Das sogenannte Rotationsprinzip, das Arbeitskräfte nach Ablauf ihrer Verträge zur Rückkehr bewegen sollte, wurde in den 1970er-Jahren wegen anhaltenden Fachkräftemangels abgeschafft. Diese Kehrtwende führte dazu, dass Familien wie die von Çevikkollu weit länger in Deutschland blieben als ursprünglich geplant.
Der Wandel setzte seiner Mutter stark zu: Statt zu unterrichten, arbeitete sie fortan als Näherin. Dieser "Statusverlust" belastete sie tief und trug später zu psychischen Problemen bei. In ihren letzten Jahren lebte sie allein und litt vermutlich unter Psychosen. Ihr Schicksal steht exemplarisch für ein größeres Problem: Einsamkeit und psychische Erkrankungen sind unter älteren Migrantinnen und Migranten weit verbreitet – doch ihre Bedürfnisse werden oft ignoriert.
Kulturell unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit erschweren zudem die Behandlung. Viele ältere Migrantinnen und Migranten finden nur schwer Zugang zu einer Versorgung, die ihre Herkunft und Prägung berücksichtigt. Fachleute fordern daher mehr kultursensible medizinische und therapeutische Ansätze. Ohne diese bleibt die psychologische Unterstützung für diese Gruppe unzureichend.
Interkulturelle Angebote gibt es zwar, doch sie sind noch immer zu begrenzt. Ein Ausbau könnte älteren Migrantinnen und Migranten den Weg zu besserer psychischer Gesundheitsversorgung ebnen. Ziel muss es sein, dass ihre Erfahrungen – wie die von Çevikkollus Eltern – auf Verständnis stoßen statt auf Barrieren.
Die Herausforderungen, vor denen ältere Migrantinnen und Migranten mit psychischen Problemen stehen, wurzeln in Jahrzehnten unerfüllter Erwartungen und kultureller Brüche. Ohne gezielte, kultursensible Unterstützung werden viele weiter in Isolation leiden. Der Ausbau interkultureller Dienstleistungen bleibt ein entscheidender Schritt, um ihren psychologischen Bedürfnissen gerecht zu werden.






